Fall-Theorie falsch ?

Lieber Emanuel,

ich schätze deinen Zugang zur Lauftechnik sehr, schätze dein Hinterfragen von “Standards” und deinen wissenschaftlichen Zugang. Dein Artikel,warum wir beim Gehen mit der Ferse landen, hat mir schon oft in Diskussionen geholfen.

Dein letztes Video (https://youtu.be/n2nDUfJwv1M ) zum Thema: Die Fall-Theorie von Chi-Running und POSE Running hat bei mir jedoch einige Fragezeichen hinterlassen und ich würde mich freuen, wenn Du ein paar der Dinge, die mir in dem Video unklar sind, klarer machen kannst.

Ich beschäftige mich seit Jahren mit dem Laufen in Minimalschuhen und auch mit Lauftechnik – bei weitem nicht auf dem Level, auf dem Du das betreibst. Aber ich habe mich sowohl mit POSE-Running beschäftigt (und auch einen Kurs besucht) als auch doch etwas intensiver mit ChiRunning (bin auch ChiRunning Instructor, aber das soll für meine Fragen mal nebensächlich sein, da es mir hier nicht um die Frage geht, wer jetzt recht hat, sondern darum, das ich Dinge gerne verstehe, wenn ich das Gefühl habe, das sie von einem sehr kompetenten Menschen kommen)

Hier meine Unklarheiten:

Vektoren

Die erste Hälfte deines Videos beschäftigt sich ja intensiv mit Vektoren. Und für dich kommt nach den 16 Minuten klar raus, das die Verlagerung des Schwerpunktes über die Falllinie des Körpers (was Du als Vorlehnen bezeichnest)

Für mich ist das nicht ganz klar. Vor allem, weil dein zweiter Vektor zu einem anderen Zeitpunkt in der Laufbewegung erstellt wird, als der erste – an dem Du den Vektor von ChiRunning und POSE erklärst.

Wenn ich ein Bild mit den 4 Laufphasen aus deinem Video als Erklärung nutzen darf:

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Der erste Vektor, den du erklärst, passiert aus meiner Sicht in der ersten und zweiten Phase des Bildes. Hier gibt es keine Spannung von Sehnen und Muskeln, die den Läufer vorwärts bringen.

In dieser Phase macht es absolut Sinn, wenn der Körperschwerpunkt sich nicht genau über dem Standfuß befindet, sondern etwas vor dem Fuß, weil mich dann die Schwerkraft in dieser Phase nach vorne bringt. (In Spuren erkennbar im zweiten Bild, wobei der Läufer hier sich definitiv mit dem Oberkörper vorlehnt, was so natürlich nicht sein soll – weder in POSE noch in ChiRunning )

Im vierten Bild, der terminalen Standphase, stimmen deine Vektoren aus meiner Sicht.

Dh deine beiden Vektoren sind in zwei völlig unterschiedlichen Laufphasen gezeichnet. Oder wo ist hier mein Denkfehler ?

Die Beschleunigung

Ca. ab Minute 17 erklärst Du uns, das eine ständige Verlagerung des Körperschwerpunktes vor die Mitte schon alleine deswegen nicht funktionieren kann, weil ich den Körper dadurch ständig beschleunigen würde.

Ähmm wirklich ? Fahre ich mit meinem Auto, stehe ich in der Vorwärtsbewegung ja auch ständig am Gas. Und zwar so weit, wie es notwendig ist, die von mir gewünschte Geschwindigkeit zu halten. Höre ich auf, zu beschleunigen, werde ich langsamer und bleibe irgendwann stehen (wegen dieser doofen Reibung und dem Luftwiderstand)

Ein noch besseres Beispiel ist ein Segway (falls du damit schon mal gefahren bist)
Bildergebnis für segway

Stehst Du auf dem gerade, bewegt er sich nicht. Eine Verlagerung des Körpermittelpunktes nach vorne beschleunigt das Ding und es beginnt zu fahren. Verlagerst Du den Schwerpunkt nur ein klein wenig nach vorne, fährt das Ding langsam, ein wenig mehr und das Ding fährt schneller. Wirst Du wieder aufrecht, bleibst du stehen. Genau wie beim Laufen.

In meinen Kursen probiere ich das immer wieder gerne mit meinen Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer aus, wie sie nur durch das Verlagern des Körpermittelpunktes die Geschwindigkeit verändern können – bis hin zum Rückwärtslaufen (wie beim Segway)

Und das Hüpfvideo….

Ich bin leider kein Videostar, sonst hätte ich dir mein Hüpfvideo gezeigt.

Stehe ich in einer guten Position und beginne mit den Füßen zu hüpfen, bewege ich mich gar nicht vorwärts, sondern hüpfe am Stand. (Kann jeder selber ausprobieren)

Bringe ich jetzt meinen Körperschwerpunkt ganz leicht nach vorne (hier reicht ein Zentimeter) und verändere sonst nichts an meiner Hüpfbewegung, dann bewege ich mich vorwärts. Getestet, funktioniert – probier es mal ohne Laufband aus…. Und ich bin nicht unendlich schneller geworden (leider….)

Der Drehmoment

Ab ca. Minute 22:00 erwähnst Du, das ich ja meinen Körper mit der hinteren Kette halten muss, wenn ich mich vorlehne. Wenn Du das musst, ist das ein deutliches Zeichen, das dein Schwerpunkt zu weit vorne ist. Und mit etwas Körpergefühl (Body Sensing wie wir Neudeutsch in ChiRunning sagen) bekommst du relativ rasch genau den Winkel ins Gefühl, der dich nach vorne bringt und trotzdem deine Beine entspannt. Bei mir “schlackern” zb. die meiste Zeit meine Unterschenkel-Muskeln beim Laufen – ein deutliches Zeichen, das die entspannt sind..

(BTW: Ich laufe ausschließlich in Minimalschuhen, seit vielen Jahren.)

Die POSE Studie

Die kannte ich schon, auch mit den von dir erwähnten Verletzungen.

Meine Frage dazu: Wenn Du einen durchschnittlichen Läufer in quasi einer Woche in seinem Laufstil veränderst (und die hatten einen 7,5 Stunden Tag und an 5 aneinander folgenden Tagen jeweils 1,5 Stunden Sessions), denkst Du nicht, das dieser Läufer auch mit deiner Methode in Gefahr läuft, verletzt zu werden ? Widerspricht das nicht den grundsätzlichen Trainingsprinzipien ?

Ich würde so etwas ablehnen, weil so plötzliche, schnelle Veränderungen für den Körper nicht gut sind, es wichtiger ist, Veränderungen langsam, in kleinen Schritten vorzunehmen (übrigens: eine der Grundsätze von ChiRunning) Siehst Du das anders ?

Ich würde mich über einen qualifizierten Austausch sehr freuen, ich denke, damit können beide Seiten nur profitieren. Gerne können wir auch etwas näher über das reden, was wir so beim ChiRunning in den Kursen erzählen – es ist ja wesentlich mehr als “nur” das Verlagern des Schwerpunktes.

Freue mich über deine Antwort

Christian

Veröffentlicht in Lauftechnik

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